Postjournalismus

Anbei wird ein Leser­brief doku­men­tiert, der vom Süd­hes­sen Mor­gen nicht ver­öf­fent­licht wur­de, da er „schwe­re Vor­wür­fe“ ent­hal­te. Es ent­behrt nicht einer gewis­sen Iro­nie, dass die Mei­nungs­frei­heit inzwi­schen selbst dann zurück­tre­ten muss, wenn die im Leser­brief genann­ten Fak­ten aus Focus online, Deutsch­land­ra­dio Kul­tur, dem Darm­städ­ter Tag­blatt und dem Buch von Saba­ti­na James „Scha­ria in Deutsch­land“ stam­men. Die exak­ten Fund­stel­len waren dem Leser­brief sogar bei­ge­ge­ben.

An Hand des nach­fol­gend wie­der­ge­ge­be­nen Leser­briefs kann sich jeder selbst ein Bild machen, wie des­sen Nicht­ver­öf­fent­li­chung ein­zu­ord­nen ist.

Sehr geehr­te Damen und Her­ren,

zu Ihrem Bericht vom 20. Janu­ar im Lam­pert­hei­mer Teil (Sei­te 9) über den Neu­jahrs­emp­fang der Ahmadiyya-Gemeinde möch­te ich fol­gen­des anmer­ken:

Unser ehe­ma­li­ger Bür­ger­meis­ter Erich Mai­er spricht davon, es sei eine „ver­pass­te Chan­ce zum Aus­tausch und zur Wert­schät­zung der vor­bild­lich agie­ren­den Ahmadiyya-Gemeinde“, weil eini­ge Par­tei­en kei­nen Reprä­sen­tan­ten zum Neu­jahrs­emp­fang der Lam­pert­hei­mer Ahmadiyya-Gemeinde in der Zehnt­scheu­ne geschickt haben.

Trotz ihrer unbe­strit­te­nen Fried­fer­tig­keit bei der Ver­brei­tung ihres Glau­bens kann man die­se Glau­bens­ge­mein­schaft durch­aus sehr kri­tisch sehen. Das vor­der­grün­di­ge gesell­schaft­li­che Enga­ge­ment etwa durch einen Stra­ßen­kehr­dienst nach Sil­ves­ter soll­te nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass es sich um eine erz­kon­ser­va­ti­ve Gemein­schaft han­delt. Ich bin mir sicher, dass es eine katho­li­sche Split­ter­grup­pe mit ähn­li­chen Ansich­ten nie­mals zu einem Neu­jahrs­emp­fang mit den Stadt­obe­ren gebracht hät­te.

So behaup­tet etwa der Mün­che­ner Imam Malik Usman Naveed, Homo­se­xua­li­tät sei eine behand­lungs­be­dürf­ti­ge Krank­heit, sol­che Leu­te müss­ten zum „Exper­ten“. Für die­sen Imam ist es selbst­ver­ständ­lich, dass der Mann ent­schei­det, ob die Frau arbei­te oder nicht. „Unse­re Frau­en sind glück­lich, jeder kann sie fra­gen“, meint er.

Wenn man die bedrü­cken­den Zustän­de aus der Darm­städ­ter Ahmadiyya-Gemeinde hin­zu­nimmt, die im Rah­men des Darm­städ­ter Ehren­mord­pro­zes­ses im Jahr 2015 zu Tage getre­ten sind, wird man an die­ser Aus­sa­ge mehr als zwei­feln müs­sen. Die Straf­kam­mer des Land­ge­richts stell­te fest, der Mord an der eige­nen Toch­ter sei Aus­druck „der spe­zi­el­len Moral einer Par­al­lel­ge­sell­schaft“. Der Anwalt des gestän­di­gen Vaters äußer­te über sei­nen Man­dan­ten, er habe „im Glas­kas­ten sei­ner Gemein­de“ gelebt.

Die Gescheh­nis­se ver­an­lass­ten den Bun­des­vor­sit­zen­den der Bewe­gung, Abdul­lah Uwe Wagis­hau­ser, ein Prä­ven­ti­ons­pro­gramm gegen Ehren­mor­de inner­halb der Ahmaddiyya-Bewegung anzu­kün­di­gen. Dass ein der­ar­ti­ges Pro­gramm, von dem ich lei­der nicht her­aus­fin­den konn­te, wie weit es schon gedie­hen ist oder es bei der Ankün­di­gung geblie­ben ist, für not­wen­dig erach­tet wird, spricht Bän­de. Er ver­gaß aber nicht, in der glei­chen Stel­lung­nah­me dar­auf hin­zu­wei­sen, dass vor­ehe­li­che Sexu­al­be­zie­hun­gen in ihrer Gemein­schaft nicht üblich sei­en und auch nicht akzep­tiert wür­den.

Wenn sich eine voll­jäh­ri­ge Frau (!) also nicht an die ihr vor­ge­ge­be­ne äußerst stren­ge Sexu­al­mo­ral hält, hat sie mit sozia­ler und fami­liä­rer Äch­tung oder auch mit Gewalt und dem Aus­schluss aus der Fami­lie zu rech­nen. Saba­ti­na James, die vor eini­ger Zeit im heute-Journal bei Claus Kle­ber zu Gast war, betreut mit ihrem Ver­ein Frau­en aus isla­mi­schen Län­dern, wenn sie aus Angst vor einer Zwangs­ehe vor ihrer Fami­lie flie­hen müs­sen. Sie berich­tet von zahl­rei­chen Opfern von Zwangs­hei­rat und Drang­sa­lie­rung unter den Ahmadiyya-Frauen. Hier­zu passt die ent­lar­ven­de Äuße­rung des bereits zitier­ten Bun­des­vor­sit­zen­den der Glau­bens­ge­mein­schaft Wagis­hau­ser, der davon spricht, dass es durch­aus „auch Lie­bes­hei­ra­ten, nicht nur arran­gier­te Ehen“ bei den Ahma­di gebe.

Fazit: Har­mo­nie­be­dürf­ti­ge Kom­mu­nal­po­li­ti­ker soll­ten sich nicht leicht­fer­tig von der Ahmadiyya-Bewegung ver­ein­nah­men las­sen. Offen­sicht­lich wol­len sie das libe­ra­le und freund­li­che Bild, dass die Ahma­di von sich in der Öffent­lich­keit zeich­nen, nur zu ger­ne glau­ben, obwohl es nur ein Teil der Wahr­heit ist.

Vor­bild­li­cher wäre es, die tat­säch­li­che Ein­hal­tung unse­rer grund­ge­setz­li­chen Wer­te wie das Recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit und Gleich­heit von Mann und Frau offen­siv und selbst­be­wusst ein­zu­for­dern und durch­zu­set­zen.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

Cle­mens Haas

Noch ein Nach­trag: Selbst der SPD-Oberbürgermeister von Düs­sel­dorf Tho­mas Gei­sel ließ jüngst zwar eine Aus­stel­lung der dor­ti­gen Ahmaddiyya-Gemeinde in sei­nem Rat­haus zu, distan­zier­te sich aber immer­hin nach­träg­lich von deren Ansich­ten und beschei­nig­te ihr ein „kon­ser­va­ti­ves, viel­leicht sogar reak­tio­nä­res Familien- und Frau­en­bild“. Was er damit mein­te: In Ahmaddiyya-Flyern zur Aus­stel­lung war die Rede davon, dass es „unter Umstän­den“ erlaubt sei, eine Ehe mit vier Frau­en zu füh­ren.

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